Während der auftretenden Corona-Pandemie im Frühjahr 2020, als Kunst und Kultur zum Erliegen kamen, wurde eine alte Idee in meinem Kopf zu einer akuten Berufung. Eine digitale Ausstellung, welche es Kunstschaffenden ermöglichen sollte, ihre Werke virtuell zu präsentieren. Eine Galerie, die bequem von zu Hause aus zu besuchen ist. Die Nachfrage bezüglich alternativer, digitaler Präsentationsmethoden war größer denn je und zusätzlich stand mir einiges an Zeit zur Verfügung, um mir die nötigen Fähigkeiten für die Entwicklung einer solchen Anwendung anzueignen.
Am 20. März 2020 nahm ich meine Arbeit an der Virtual Exhibition auf. Ein besonderer Vorteil des digitalen Zeitalters ist, dass es im Internet genug kostenfreie Dokumentationen zu jedem erdenklichen Thema gibt. So konnte ich schrittweise Lösungen zu jedem Stand der Entwicklung und den aufkommenden Ideen finden. Insgesamt ist die Arbeit an der Virtual Exhibition enorm komplex ausgefallen und aus diesem Grund gehe ich nur auf die wesentlichen Punkte meiner Konzeptionierung und den Stand der aktuellen Version ein. Das letzte Update (Beta 0.2.5) habe ich am 23. Dezember 2020 veröffentlicht. Ich blicke also auf eine Entwicklungszeit von gut 9 Monaten zurück, die von tausenden Stunden Arbeit und etlichen Nachtschichten geprägt war. Teilweise stand ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch, doch es waren auch etliche Erfolgserlebnisse dabei, die mich immer wieder dazu gebracht haben weiterzumachen.
Bereits 2017 habe ich im Rahmen einer Semesterarbeit eine virtuelle Ausstellung als alternative Präsentationsmethode kreiert. Diese war jedoch noch eine Modifikation des Spiels Half-Life 2 von dem Entwicklerstudio Valve, welche ein eigenes Level in Form eines Ausstellungsraumes startete. Der Nachteil einer Modifikation ist, dass diese keine eigenständige Anwendung darstellt und in der Regel nur in Verbindung mit dem Originalspiel funktioniert.
Für mein eigenes Programm wollte ich auf professionelle Methoden zurückgreifen. Dafür kamen die Unreal Engine oder die Entwicklungsumgebung von Unity infrage. Beide sind kostenlos nutzbar, doch letztendlich habe ich mich für die Unreal Engine entschieden, da meine Kenntnisse bezüglich Programmiersprachen allgemein weniger ausgeprägt waren. Beide Engines bauen auf C++ auf, doch bietet die Entwicklungsumgebung der Unreal Engine die Möglichkeit auf eine optische Programmierung mithilfe eines sogenannten Event Graphs zurückzugreifen.
Die meisten virtuellen Ausstellungen werden innerhalb eines Internet-Browsers aufgerufen. Die Vorteile sind dabei, dass diese Anwendungen keiner zusätzlichen Installation bedürfen und im Idealfall auf jedem Betriebssystem oder Endgerät gleichermaßen zu besichtigen sind. Ich halte diese Form der Präsentation lediglich für eine Spielerei, zumindest unter Berücksichtigung gegenwärtiger Möglichkeiten. Die Qualität der Bilder ist oftmals schlechter als die einfache Präsentation auf einer Webseite. Zudem werden viele Nutzer:innen ihr Smartphon nutzen, was für die Präsentation einer Ausstellung denkbar ungeeignet ist. Das Erlebnis bei einer komplexen 3D Anwendung, wie die eines Videospiels, ist viel immersiver und weist eine höhere Qualität in der Darstellung auf. Durch die Limitierung auf leistungsfähigere Systeme, ist die Zahl der Anwender:innen zwar eingeschränkt, doch das Erlebnis wird wesentlich anspruchsvoller und bietet fantastische Möglichkeiten.

Die erste Beta-Version mit Bezeichnung Virtual Exhibition 0.1.0 erschien am 19. April 2020 auf meiner Webseite. Die beteiligten Fotografen und ich bewarben diese über Facebook und Instagram. Im Grunde hat sich der Aufbau meines Programms seitdem nicht geändert. Die Virtual Exhibition besteht aus einem einfachen Hauptmenü, welches den Anwender:innen die Möglichkeit gibt, die Ausstellung zu betreten, einige Optionen vorzunehmen, die Credits anzeigen zu lassen und die Anwendung zu beenden. Die Ausstellung selbst besteht aus mehreren separierten Räumen, welche jeweils die Werke einer Künstler:in beinhalten. Die Navigation durch das Level geschieht mit den Tasten W, A, S und D. Durch Bewegung der Maus wird die Blickrichtung gelenkt. Es ging mir darum, auf eine klassische Steuerung zurückzugreifen, bei der sich erfahrene Anwender:innen von Spielen in der ersten Person instinktiv zu Hause fühlen. Gleichzeitig sollte diese einfach genug sein, um Beginnende nicht zu überfordern. Neben der Maus können die Pfeiltasten zur Kontrolle der Blickrichtung genutzt werden. So ist die Ausstellung auch nur mithilfe einer Tastatur spielbar. Seit dem neusten Update lässt sich die Virtual Exhibition komplett mit Gamepads bedienen und besitzt ein Tutorial, welches die Steuerung kleinschrittig erklärt.

Um die Anwendung aktuell zu halten, hat Benjamin Sieber einen Launcher für Windows entwickelt. Diese Software ermöglicht es, Updates bequem vom Desktop aus durchzuführen. Der einzige Nachteil dieser Möglichkeit ist, dass weder der Launcher noch die Virtual Exhibition eine Signatur besitzen. Das macht Probleme in Verbindung mit Antivirenprogrammen, die diese Software als schädlich einstufen. Auch Windows verlangt eine spezielle Behandlung beim ersten Ausführen.

Insgesamt erinnern die Menüs entfernt an minimalistische Plakate. Das setzt sich in der Gestaltung der Galerie fort. Ursprünglich war geplant, eine möglichst real anmutende und detaillierte Kunsthalle nachzubauen. Allerdings habe ich mich für eine vielmehr stilistische Umsetzung der Umgebung entschieden. Reduziert auf die nötigsten Inhalte, lenkt diese nicht von den Exponaten ab und ist gleichzeitig einfacher für unerfahrene Leveldesigner zu erarbeiten. Damit konnte ich mich während der Entwicklung auf die funktionalen Aspekte der Anwendung konzentrieren und relativ zügig Fortschritte erzielen.
Neben der Veröffentlichung auf meiner Webseite wurde die Virtual Exhibition von mir am 18. Mai 2020 auch auf der Spieleplattform Steam veröffentlich. Allein darüber könnte ich einen ganzen Artikel schreiben. Mit der Veröffentlichung auf Steam habe ich einen weiteren Schritt in die Richtung eines echten Entwicklers gemacht und war gespannt auf die Rückmeldung der Community. Über Steam können Anwendungen bequem aktuell gehalten und die Anwender:innen über Neuigkeiten informiert werden. Außerdem entfällt hier das Problem mit der Signatur. Die Virtual Exhibition kann bequem über Steam heruntergeladen und installiert werden, ohne dass besondere Schritte dafür nötig sind. Die einzige Voraussetzung ist die Erstellung eines Nutzerkontos.
Durch Updates bekam die virtuelle Ausstellung im Laufe der Zeit einige Verbesserungen. Zuerst entwickelte ich ein einfaches Sounddesign. Allein selbstverständliche Dinge, wie Schrittgeräusche, tragen massiv zur Immersion bei und sind in der Entwicklung weitaus komplexer als vielleicht anzunehmen. Darauf folgte die Implementierung von Interaktion mit ausgewählten Elementen in der Umgebung. Auch gibt es seit Mai 2020 parallel eine Mac-Version der Virtual Exhibition. Technische Verbesserungen, wie beispielsweise Lichtberechnung innerhalb der Engine oder eine Optimierung der Performance durch ein FPS-Limit, wurden von mir ganz nebenbei hinzugefügt. Oftmals wurde ich durch Nutzer:innen aus der Community auf Fehler oder nötige Verbesserungen hingewiesen. Ebenso war eine Zoom-Funktion der Wunsch einiger Spieler:innen. Mit dem Mausrad lässt sich jetzt der Bildwinkel einstellen und zurücksetzen. Darauf aufbauend erweiterte ich die Virtual Exhibition um neue Exponate und lesbare Bücher.
Bücher innerhalb der Virtual Exhibition sind auf einem Podest aufgebahrt und repräsentieren tatsächliche Druckerzeugnisse. Wenn die Besucher:innen in die Nähe eines Buches gelangen, erhält dieses leuchtende Konturen, um eine mögliche Interaktion zu signalisieren. Durch das Betätigen einer der Interaktionstasten wird das Buch im Vollbild geöffnet und es kann mithilfe von Maus oder Tastatur geblättert werden.
Mit der Darstellung meiner eigenen Ausstellungsstücke habe ich die Grenzen realer Ausstellungen überschritten. So ändern sich beispielsweise die Exponate eines Raumes, der soeben durchquert wurde oder es lässt sich in Form eines Easter Eggs, gespickt mit Zitaten aus der Videospielkultur, ein geheimer Raum öffnen. Die Virtual Exhibition soll als interdisziplinäres Projekt verstanden werden, welches als Bindeglied zwischen Fotografie, Kunst und Videospielen fungiert. Es soll Spieler:innen einen Einblick in die Kunst gewähren und Fotograf:innen oder Künstler:innen für das Medium Videospiel gewinnen.
Auf Steam haben über 7600 Nutzer:innen die Ausstellung heruntergeladen und tatsächliche Spielzeit zu verzeichnen. In der Community sind fast 400 Spieler:innen an weiteren Updates sowie Neuigkeiten interessiert und es wurden bereits 74 Rezensionen verfasst. Verglichen mit anderen Spielen ist das vermutlich kein Erfolg, doch ich bin mit diesem Ergebnis schon sehr glücklich.
Darüber hinaus wurde mein Projekt von Dortmund Kreativ, während ihres Aufrufs für Digitale Perspektiven, als ambitioniert genug betrachtet und so habe ich ein großzügiges Preisgeld als finanzielle Unterstützung erhalten. Dadurch konnte ich mir eine VR-Brille anschaffen und es wird in Zukunft möglich sein, meine Ausstellung auch mit einem solchen Gerät zu besichtigen.
Bald würde ich gerne eine neue Ausstellung zusammen mit Kommilitonen realisieren. Dabei werde ich sicherlich noch einiges über das Arbeiten mit Fotografien lernen. Ich kann helfende Hände für dieses Projekt gut gebrauchen, denn aktuell wartet es nur auf eine Wiederaufnahme. Ich habe noch viel vor.
Zum Schluss möchte ich euch einladen, meine Virtual Exhibition auszuprobieren. Die folgenden Links leiten euch jeweils zur Steam-Version und zur eigenständigen Anwendung weiter. Bitte teilt mir auch eure Meinung mit. Ich freue mich über jeden Kontakt und jeden Gedankenaustausch! Auch Fehlerbeichte und Verbesserungsvorschläge sind mir sehr willkommen! Bitte fühlt euch herzlich dazu eingeladen einen Kommentar zu verfassen oder mir direkt persönlich zu schreiben!
–Kersten
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Ich bin Kersten Glaser, Jahrgang 1992 und komme aus Bergkamen. Fotografie ist mein Beruf und meine Leidenschaft, doch ich setzte mich ebenfalls mit dem künstlerischen Potenzial anderer Medien auseinander und habe Freude daran, mein Wissen mit anderen zu teilen. Seit 2015 bin ich gelernter Fotograf. Aktuell studiere ich die Fotografie an der Fachhochschule Dortmund.