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Ein Jahr mit der Ricoh GR II

Seit Dezember 2019 bin ich im Besitz einer Ricoh GR II. Aufgrund der Tatsache, dass ich jahrelang privat nur analog fotografiert habe, war diese Kamera eine interessante Abwechslung für mich. In diesem Beitrag möchte ich euch erzählen, was mich dazu veranlasst hat dieses Gerät zu erwerben, ich jetzt nicht mehr darauf verzichten möchte, doch auch weshalb mir das Arbeiten damit erneut vor Augen geführt hat, was ich an der analogen Fotografie so schätze. Ich werde mit Inhalten dieser Art auf Fragestellungen eingehen, die bei Neuanschaffungen, unabhängig vom Marketing der Hersteller, eine wesentliche Rolle spielen sollten und im besten Fall bei euch mögliche Unklarheiten schmälern. Weil ich selbst sehr sorgfältig bei der Wahl neuer Ausstattung bin, wird es auch in Zukunft noch weitere Texte über Ausrüstungsgegenstände geben – auch wenn das Equipment für die Fotografie eine untergeordnete Rolle spielt. Nicht zuletzt werde ich hier selbstverständlich ein paar Aufnahmen zeigen, für diejenigen unter euch, die für die visuelle Stimulation hier sind!

Ricoh

Die Marke Ricoh wurde 1936 in Japan gegründet und vertrieb vorerst Fotopapier, sowie ab 1938 Kameras für semi-professionelle Anwender:innen. Später etablierte sich das Unternehmen mit einem großen Aufgebot an Bürogeräten. Seit den 1980/90ern produziert Ricoh ebenfalls erfolgreich elektronische Bauteile, darunter waren beispielsweise die Prozessoren für bekannte Spielekonsolen von Nintendo, dem NES und SNES. 1996 wurde mit der Ricoh GR1 eine berühmte Serie von edlen Kompaktkameras etabliert, woran sich nicht nur Amateur:innen erfreuten. Aufgrund der Kompaktheit und gleichzeitig hochwertigen Ausstattung, wurde die GR-Serie schnell auch unter den Personen vom Fach sehr beliebt. Besonders Fotografierende, die viel auf der Straße unterwegs sind, schätzen diese Modellreihe sehr. Einer der bekanntesten Nutzer:innen dieser kleinen 35mm Kameras ist wohl Daidō Moriyama. Ich empfehle euch an dieser Stelle mal in seine Fotobücher zu schauen(!). Diese Serie von kompakten Filmkameras wurde 2005 mit der Ricoh GR Digital fortgesetzt. Seit 2013 heißt diese Produktreihe wieder nur GR. Die Ricoh GR II kam 2015 und die GR III im Jahr 2018 auf den Markt. Seit 2011 wurde die ebenfalls japanische Firma Pentax an Ricoh weiterverkauft. Spiegelreflexkameras und spiegellose Kameras mit Wechselobjektiven werden weiterhin unter dem Markennamen Pentax vertrieben, Kompaktkameras verbleiben unter dem Namen Ricoh.

Lünen 2020 – 1/20 Sekunde, f/5.6, ISO3200

Technischer Hintergrund

Die Ricoh GR II hat für ihre Größe einen verhältnismäßig großen Sensor. Einen APS-C Sensor mit den Maßen 23,7 x 15,7 mm und effektiven 16,2 Millionen Pixeln. Bei der Entwicklung wurde bewusst auf einen Tiefpassfilter verzichtet, was in Kombination mit dem verbauten Objektiv für eine hervorragende Schärfe sorgt. Tiefpassfilter werden in der Regel verbaut, um sogenanntes Moiré zu verhindern, doch ein solcher Filter wirkt sich negativ auf die Schärfe aus. Einen Moiré-Effekt habe ich im Laufe des Jahres zwar schon dann und wann mal entdecken können, jedoch war dieser nie so ausgeprägt, dass ich meine Aufnahme aus diesem Grund verworfen habe. Das Objektiv mit einer festen Brennweite von 18,3mm (28mm Kleinbild-Äquivalent) mit einer Offenblende von f/2.8, könnte kaum besser sein. Ich habe schon mit vielen hochwertigen Objektiven von Leica, Carl Zeiss, Schneider und Rodenstock gearbeitet, doch das Objektiv der Ricoh steht diesen Linsen in keiner Weise nach. Die Schärfe ist außerordentlich und Bildfehler, wie z.B. Farbsäume (chromatische Aberrationen) habe ich selbst zu den Rändern hin noch nicht entdecken können.

Wichtig war für mich nicht nur, dass die Kamera in die Hosentasche passt und passable Aufnahmen liefert, sondern auch, dass sie neben einem internen Blitz ebenfalls einen Blitzschuh für die Nutzung eines externen Gerätes oder Senders aufweist. Ich plante die Kamera auch für Testaufnahmen in einem Fotostudio nutzen zu können, um Lichtsituationen des Aufbaus damit nachzuvollziehen, bevor ich die finalen Fotos auf Film aufnehme.

Die Ricoh GR II bietet, neben den üblichen Aufnahmeprogrammen wie manueller Bedienung, Blendenvorwahl und Zeitvorwahl, die Möglichkeit drei eigene Programme zu hinterlegen. In diesen eigenen Programmen, welche ebenfalls über das Wahlrat verfügbar sind, werden so gut wie alle Parameter gespeichert, die in der Kamera einzustellen sind. Dazu zählen nicht nur die Modi für Verschlusszeit und Blende, sondern auch visuelle Hilfen und individuelle Tastenbelegungen. Das macht die Kamera enorm vielseitig und schnell, selbst wenn das erste Einrichten für dieses Feature etwas Zeit in Anspruch nimmt.  

Meine fotografische Arbeitsweise

Ich nutze die Kamera überwiegend mit einem benutzerdefinierten Programm. Dabei belichtet die Kamera automatisch mit einer von mir bestimmten Blende und wählt Verschlusszeit, sowie ISO-Empfindlichkeit automatisch. Zudem wird ein Wert von ISO3200, welcher für mich noch gute Ergebnisse liefert, nicht überschritten und mindestens eine Verschlusszeit von 1/60 Sekunde genutzt, um Verwackelungen bei der Fotografie aus der Hand zu vermeiden. Der Weißabgleich steht bei mir meistens auf 5500 K (Tageslicht), so kann ich während der finalen Bearbeitung am PC entscheiden, ob mir die Farbe der Aufnahmesituation gefällt, oder ich den Farbstich neutralisiere. Darüber hinaus werde ich mit einer pauschalen Lichtwertkorrektur von EV -0.7 zufriedenstellend belohnt, da ich bei Digitalkameras lieber etwas geringer belichte, um die Zeichnung in den Lichtern, also hellen Partien des Bildes, zu wahren. Bei der Nutzung dieses selbst erstellten Programms verstelle ich in der Regel nur die Blende für die gewünschte Schärfentiefe oder Schärfequalität und gelegentlich die Belichtungskorrektur. Weil Objektiv und Sensor so gut aufeinander abgestimmt sind, fällt die Beugungsunschärfe bei den Blendenwerten f/8 und f/11 vergleichsweise schon etwas auf. Diese ist jedoch mit gutem Gewissen zu vernachlässigen – das ist Kalkulation auf höchstem Niveau und nur meiner präzisen Haushaltung der Schärfentiefe zu verschulden, die ich mir bei der analogen Fotografie zu eigen gemacht habe. Da ich in der Regel für meine Aufnahmen abblende, um eine möglichst große Schärfentiefe zu erhalten, kommt mir der kleine Sensor und die kurze Brennweite der Ricoh GR II sehr entgegen. Das Weitwinkel der GR war zuerst eine große Umstellung für mich, da ich sonst eher mit Normalbrennweiten (äquivalent zu 50mm bei Kleinbild) arbeite, um meine Kompositionen, beziehungsweise den Raum, damit stärker zu verdichten. Allerdings erweiterten viele neue kreative Aspekte der Fotografie mit einem Weitwinkelobjektiv meinen Horizont. Zwar kann direkt während der Aufnahme zwischen einem 35mm und 47mm Ausschnitt im Kleinbild-Äquivalent gewählt werden, doch ich beschneide die Aufnahmen lieber bei der Nachbearbeitung.

Nachbearbeitung

Anfangs habe ich geplant nur JPEGs direkt aus der Ricoh zu benutzen, doch mir sagt die interne Verarbeitung der Bilddaten nicht zu. Egal wie man die JPG-Verarbeitung konfiguriert, es wird jedes Mal ein Rauschfilter (selbst wenn deaktiviert) angewendet. Ich möchte allerdings das Rauschen in meinen Fotos so behalten, wie es während der Aufnahme entstanden ist, weil es – ganz analog zum Filmkorn, nicht nur die Bildwirkung zu einem gewissen Teil bestimmt, sondern auch etwas zum Schärfeeindruck beiträgt. Eine Reduzierung dieses Rauschens ist immer mit Detailverlust und unter Umständen mit einem verwaschenen Bildeindruck verbunden. Korn und Bildrauschen sind gut! Es sind essenzielle Elemente in der Fotografie, die nicht retuschiert werden müssen und vermitteln einen Eindruck von Authentizität. Daher lasse ich meine Aufnahmen von der Ricoh im RAW-Format speichern und genieße damit, neben ungefiltertem Purismus, noch etwas mehr Freiheiten bei der Finalisierung am Computer.

Die Farben der Kamera sind in meinen Augen sehr natürlich und kommen trotzdem mit einer eigenen Charakteristik. Ich verringere ab und zu nur etwas die Sättigung. Zusätzliche Schritte meiner Bearbeitung gehen nicht über die klassische Fotolaborarbeit hinaus: Etwas Helligkeit und Kontrast, selten mal eine lokale Nachbelichtung.

Des Öfteren bin ich mit dem Beschneiden der Bilder beschäftigt. Das hat jedoch in der Regel technische Gründe. Brennweite und Aufnahmesituation lassen mir oft keine andere Wahl, den gewünschten Bildwinkel oder eine passende Perspektive zu komponieren. Ein Weitwinkel vermittelt, wenn ich näher zum Motiv gehe, einen ganz anderen Eindruck als ein Ausschnitt aus einer entfernteren Position.

Fazit

Im Vergleich zu meinen komplett manuellen Analogkameras, welche zum Teil nicht mal eine Belichtungsmessung haben, ist es eine schöne Vereinfachung mit einer so gut funktionierenden Automatik knipsen zu können. Auch wenn ich eine kleine Digitalkamera, wie die Ricoh GR II, ursprünglich für Testaufnahmen und zur Dokumentation nutzen wollte, ist sie mein täglicher Begleiter geworden. Manchmal, wenn ich neue Orte erkunde, tut es finanziell weniger weh, wenn ich die anfängliche Reizüberflutung mit einigen digitalen Aufnahmen befriedigen kann, um daraufhin die wohlüberlegten Fotos mit einer analogen Kamera zu machen. Doch abgesehen davon bietet die Digitalfotografie einen enormen Vorteil: Die Empfindlichkeit des Sensors kann beliebig hoch eingestellt werden und liefert auch auf wirklich hohen Parametern viel feinere Ergebnisse als jedes Filmmaterial. Damit sind Nachtaufnahmen, wie das obige Bild, problemlos aus der Hand möglich.

Wenn die Kamera mit einer Normalbrennweite, statt mit einem Weitwinkelobjektiv ausgestattet wäre, würde ich sie garantiert häufiger benutzen. Auch die Arbeit am PC, die fehlende Möglichkeit eigene Abzüge in der Dunkelkammer zu machen und die doch sehr sterile Bildwirkung von digitalen Aufnahmen, erinnern mich fortlaufend daran, was ich an der analogen Fotografie so sehr schätze. Theoretisch kann mit einer digitalen Kamera genauso gearbeitet werden, wie mit einer analogen, doch es ist niemals das gleiche, wenn der bewusste Umgang mit Material entfällt. Material, welches Geld kostet, existent ist und erst durch einen handwerklichen Prozess seine irreversible Form annimmt. Es ist für mich weitaus befriedigender einen tropfenden Film aus dem Entwicklertank zu nehmen und aufzuhängen, als meine Fotos von einer Speicherkarte auf eine Festplatte zu kopieren. Das bin aber nur ich. Für die Fotografie ist nur eines wichtig, die Aufnahmen, die man zum Schluss präsentiert. Dabei kann es allerdings helfen, wenn eine Kamera so praktisch, klein und leicht ist, dass man sie einfach in die Hosentasche stecken kann oder Spaß an ihr hat.

Es folgen noch ein paar weitere Bilder, welche ich mit Ricoh GR II gemacht habe.

Was ist euch wichtig bei der Wahl neuer Anschaffungen? Präferiert ihr dabei eine ausgiebige Recherche oder entscheidet ihr lieber aus dem Bauch heraus? Habt ihr auch eine kleine Digitalkamera? Ich freue mich über jeden Kontakt und jeden Gedankenaustausch! Bitte fühlt euch herzlich dazu eingeladen einen Kommentar zu verfassen, meinen Blog zu teilen oder mir direkt persönlich zu schreiben!

Kersten

Bergkamen 2020 – 1/60 Sekunde, f/5.6, ISO100
Dortmund 2020 – 1/40 Sekunde, f/5.6, ISO100
Lünen 2020 – 1/60 Sekunde, f/3.5, ISO1100
Bergkamen 2020 – 1/125 Sekunde, f/5.6, ISO100
Dortmund 2020 – 1/60 Sekunde, f/5.6, ISO400
Dortmund 2020 – 1/90 Sekunde, f/5.6, ISO100
Dortmund 2020 – 1/640 Sekunde, f/5.6, ISO100
Dortmund 2020 – 1/60 Sekunde, f/5.6, ISO200
Bergkamen 2020 – 1/60 Sekunde, f/8, ISO200
Dortmund 2020 – 1/60 Sekunde, f/4, ISO3200
Dortmund 2020 – 1/60 Sekunde, f/5.6, ISO200
Dortmund 2020 – 1/60 Sekunde, f/5.6, ISO280
Dortmund 2020 – 1/160 Sekunde, f/5.6, ISO100
Bergkamen 2020 – 1/250 Sekunde, f/8, ISO100

Die Fotografien auf dieser Seite sind als einzelne Werke zu verstehen und sind nicht zwingend in Reihenfolge oder Darstellung als meine finale Idee zu betrachten. Auch wenn diese Aufnahmen in Zukunft ein zusammengehöriges Werk bilden können, dient die hier gezeigte Form nur als informelle Vorabpräsentation. Ich habe den Bildern einige ihrer technischen Daten zugeordnet, damit diese meine Rezension ergänzen und neugierigen Anfänger:innen eine Orientierung bieten, nicht weil ich dies persönlich als wichtig erachte. Für die Erstellung meiner Texte bin ich selbst verantwortlich. Ich nutze künstliche Intelligenz lediglich für Recherchen, zur Reflexion und als Korrektorat. Das ist mir wichtig, da ich mit den Texten auch einen Teil meiner Persönlichkeit zum Ausdruck bringen möchte. So gut ich versuche meine Artikel auf Basis fundierter Sachlagen aufzubauen, kann ich nicht uneingeschränkt für die allgemeine Gültigkeit meiner Aussagen bürgen. Zudem spiegelt manches von dem hier veröffentlichten meine persönliche Ansicht wider, was ich jedoch deutlich zu markieren versuche, sofern der Fall innerhalb einer meiner Publikationen eintritt. Diese subjektive Perspektive kann sich im Laufe der Zeit ändern und muss nicht zwangsläufig meiner aktuellen Meinung entsprechen.

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