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KI-Generierte-Bilder sind keine Fotografie!

  • Essay

Vor kurzem ging eine Meldung durch die Medien, dass ein von der KI generiertes Bild, beim Sony World Photography Award in der Kategorie Kreativ den ersten Platz gemacht hat. Es handelt sich dabei um das Werk The Electrician, ein Auszug aus der Arbeit Pseudomnesia (Fake Memories) von Boris Eldagsen. Eldagsen lehnte die Auszeichnung ab, um damit ein Statement zu setzen:

Bilder, die mit einer KI generiert werden, sind eine eigene Kunstform und keine Fotografie.

Zuerst dachte ich, dass das eine ganz selbstverständliche Angelegenheit sei und damit eine komplett überflüssige Abhandlung. Weil man hier über Begriffe spricht, die schon seit Anbeginn der Zeit definiert sind und man meiner Meinung nach nur eine Minute darüber nachdenken muss, um die Sachlage allumfassend zu begreifen. Als ich allerdings die Diskussionen im Internet las, die durch diese Aktion hervorgerufen wurden, wurde ich schnell eines Besseren belehrt.

Mit der zunehmenden Digitalisierung von Fotografie und Kunst sind die Begrifflichkeiten in den letzten Jahren wohl etwas durcheinandergeraten.

Ein von DALL·E generiertes Bild.

Meine Definitionen von Fotografie, Formen der Kunst und Genres werden von einigen Personen oft als extremistisch bewertet. Für mich handelt es sich dabei nur um eine Fokussierung auf die Wesensmerkmale. Wenn ich zum Beispiel einer Arbeit den Status entziehe, eine Fotografie zu sein, dann ist das nicht als abwertend zu betrachten, sondern als honorierte Kategorisierung, aus Rücksicht auf den Charakter des Verfahrens. Letztendlich ist es mir als Betrachter egal, welches bildgebende Verfahren angewandt wird. Entweder eine Arbeit ist gut oder eben nicht, wenn auch einige Herangehensweisen nicht immer den (für mich) optimalen Weg für ein Projekt darstellen. Dabei gehe ich hingegen schon weit ins Detail. Es geht mir bei einer genauen Klassifizierung darum, dass man die bestehenden Formen auch als eigenständige Kunstform etabliert und diese nicht irgendeinem verfügbaren Prozess zuordnet/unterordnet, der dieser nicht würdig wird. Das führt nämlich nur zur gegenseitigen Relativierung.

Bevor die modernen, rein digitalen Prozesse, die eng mit der Fotografie verwandt sind, überhaupt verfügbar waren, wurde schon in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts der Begriff Post-Fotografie etabliert. Damit sind bildgebende Verfahren gemeint, die ohne Kamera auskommen, dennoch fotografische Züge haben. Heutzutage haben wir dafür teilweise konkrete Begriffe wie Rendering oder Virtual Photography. Man kann auch Bilder am Computer mithilfe von Algorithmen erzeugen. Fakt ist jedoch, dass in (der Regel) weder bei Post-Fotografie, In-Game-Photography noch Virtual Photography ein fotografischer Prozess erfolgt. Höchstens fotografische Gedanken. In-Game-Photography beinhaltet noch die Möglichkeit des Screenshots direkt vom Computermonitor mit einer Kamera, kann also auch eine reale Fotografie sein. „In-Game“ (im Spiel zu sein) betrifft hier eher die Person als die Fotografie.

In ihrer Ausstellung „Expect The Unexpected. Aktuelle Konzepte für Fotografie“ (2023) haben Barbara Scheuermann und Michael Reisch den Begriff „fotografiebasierte digitale Kunst“ verwendet. Diese Definition soll Prozeduren beschreiben, die entweder in enger Verwandtschaft zur Fotografie stehen oder für die ein einfaches Bezeichnen als Fotografie nicht mehr ausreicht.

Doch wie ist das nun mit Bildern, die von der KI generiert werden und bei einem Fotowettbewerb eingereicht werden?

Eigentlich eine recht triviale Angelegenheit. Erst mal unabhängig davon, dass ich mich manchmal frage, wie genau die Jury überhaupt hinschaut bzw. was die Kriterien für einen Sieg sind… Hauptsache was mit Menschen darauf?

KI-generierte Kunst ist keine Fotografie. Fotografie ist eben diese Sache mit Licht. Nur weil etwas aus Fotografien erzeugt wird, ist es keine Fotografie. Es ist eine Collage oder ein Composing. Am PC ist es Digital Art und keine Fotografie. Das hat nichts mit Sichtweise zu tun, sondern mit der Definition der Begriffe, die Natur der Prozeduren.

Boris Eldagsen verwendet hier gezielt den Begriff Promptografie, weil auf Basis der Aufforderungen (prompts) Bilder generiert werden. Dieser Ausdruck gefällt mir sehr gut.

Apropos Ausdruck: Ich las mal von einer Instant-Kamera, die umgekehrt, einen Text von einer KI generieren lässt und auswirft, welcher den Inhalt des Bildwinkels während der Aufnahme beschreibt.

Bei einem Fotowettbewerb ist im Regelwerk festgelegt, dass die Person, die das Material einreicht, auch der alleinige Urheber oder Urheberin dafür sein muss. Von einer KI generierte Materialien haben, rechtlich betrachtet, entweder keine Urheber:in oder ganz viele. Wenn der Ersteller oder die Erstellerin eines Werkes für die Einreichung bei einem Fotowettbewerb kein einziges Mal eine Kamera in der Hand hatte, dann ist das schon aus diesem Umstand heraus unzulässig (ich weiß, dass man für Fotografie nicht unbedingt eine Kamera benötigt). Einer KI zu beschreiben, was sie generieren soll, hat keine nennenswerte Schöpfungshöhe. Wenn ich bei einer Künstler:in ein Werk in Auftrag gebe und ich dafür eine solche Beschreibung abgebe, dann bin ich auch nicht an der Erstellung des Werkes beteiligt oder kann gar ein Urheberrecht dafür einfordern. Auch eine anschließende Selektion der Ergebnisse macht die Person dahinter nur zu einer Editor:in und nicht zu einer Ersterller:in.

Von der KI generierte Bilder sind keine Fotografie. Eigentlich selbstverständlich. Sie sind aber auch keine Kunst, per se. Erst das, was wir in der Selektion als Mensch damit anstellen, die Summer aller Einzelheiten und der Kontext, machen daraus eine ernsthafte Arbeit. Es gibt seit jeher einige Prozeduren, bei denen die Kunstschaffenden nicht auch alleinige Urheber:innen sind. Collagen oder Found Footage. In der Musik spricht man nicht umsonst mitunter von Interpreten. Egal von welcher Kunstform wir sprechen, ein Werk ist erst mal nur ein Werk und keine Kunst. Auch der Mensch kopiert ständig, bewusst sowie unbewusst, ganz automatisch(!). Oft ist nur ein winziges Detail von so entscheidender Kraft, dass aus etwas belanglosen oder gar zufälligen ein großartiges Kunstwerk wird. Manchmal ist es schlicht Selektion.

Ich freue mich über jeden Kontakt und jeden Gedankenaustausch! Habt ihr euch schon mit der Generierung von Bildern oder Texten beschäftigt? Wie steht ihr diesem Verfahren gegenüber? Bitte fühlt euch herzlich dazu eingeladen einen Kommentar zu verfassen, meinen Blog zu teilen oder mir direkt persönlich zu schreiben!

–Kersten

Quellen / Empfehlungen:

Mein Artikel über In-Game-Photography.

Kameras die Texte ausgeben:
petapixel.com/descriptive-camera-turns-your-photos-into-strangers-words
petapixel.com/this-camera-gives-you-a-receipt-instead-of-your-photos

In der Photonews 4/23 ist ein guter Text von der Rechtsanwältin Dorothee Thum aus der Reihe Fotorecht zum Thema KI und Fotografie.

Artikel bei GEO: ki-gewinnt-award-mit-sensationeller-fotografie
Artikel bei DerStandard: ki-kuenstler-boris-eldagsen-kuenstliche-intelligenz-ist-keine-fotografie?

Webseite von Boris Eldagsen: www.eldagsen.com
Projekt Pseudomnesia: www.eldagsen.com/pseudomnesia

darktaxa-project: www.darktaxa-project.net

Ausstellung: Expect The Unexpected. Aktuelle Konzepte für Fotografie (2023)

2 Gedanken zu „KI-Generierte-Bilder sind keine Fotografie!“

  1. Hallo Kersten,
    Dank für die klarstellenden und meiner Ansicht nach zutreffenden Worte.
    Ich habe weder Fotografie noch Kunstwissenschaft oder dergleichen gelernt oder gar studiert. Mein Wissen verdanke ich einer sehr guten Schul- und Allgemeinbildung sowie Lebenserfahrung, Selbststudium und Praxis. All dies lehrt mich genau die gleichen Unterscheidungen und Einschränkungen zu machen wie Du: nicht jedes Bild ist Kunst und ebensowenig ist jedes Bild Fotografie. Ich selbst fotografiere fast ausschließlich analog, den ganzen Prozess durchlaufend: angefangen von der Auswahl von Film und Kamera bis hin zum Passepartout und Rahmen für den fertigen Handabzug. Ich muss nicht weiter ausführen, dass ein solcher Prozess nichts, aber auch gar nichts mit dem gemein hat, was eine KI tut.
    Viele Grüße und nochmals Dank,
    Martin

    1. Hey Martin,
      freut mich, dass dich mein Artikel erreichen konnte und ich danke herzlich für deinen Beitrag!
      Ich finde den Aufwand, den man für ein Werk betreibt, die Zeit, die man investiert, liegen nicht unbedingt in Korrelation mit der Qualität des Ergebnisses. Ich kann dein persönliches Empfinden nachvollziehen, da ich selbst tiefgehende Befriedigung im Prozess der filmbasierten Fotografie und auch in der analogen Präsentation von Fotografien empfinde, sehe das jedoch nicht als Faktor, der meine Arbeit besser oder wertvoller macht. Das kann schnell zum Schleier werden, der den Umgang mit der eigenen Arbeit erschwert. Aber das ist nicht das, worauf du hinaus möchtest. Dir geht es um den Unterschied in Arbeitsaufwand, den man betreiben muss und das Wissen, welches man mitbringen muss, um erfolgreiche Ergebnisse vorweisen zu können im Vergleich zum Generieren lassen von Bildnissen. Das ist auch ein Thema, welches recht intensiv diskutiert wird. Ist das Generieren mit KI noch ein Werkzeug? Ich denke, wenn das generierte Bild das finale Produkt für die Arbeit ist, dann ist das kein Werkzeug mehr, sondern die Abgabe von Arbeit. Ein Werkzeug ist in ungeübten Händen wenig bis gar nicht effektiv. Mit einer KI kann allerdings jeder gute bis hervorragende Ergebnisse erzielen. Wenn durch eine KI generierte Bildnisse allerdings nur Teil des Werkes sind, dann kann die KI ein Werkzeug sein. Wie beispielsweise ganze Collagen oder Fotobücher, die ein immenses Wissen im Umgang mit Medien erfordern und damit die nötige Schöpfungshöhe erreichen. Aber auch anderer Kontext kann dies ermöglichen. Da steckt dann aber auch wieder viel Arbeitszeit und Wissen neben der Generierung der Bilder im Werk. Ein Mindestmaß scheint also sehr relevant zu sein.
      Liebste Grüße!
      –Kersten

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